Schicke, bunte Fahrräder

geschrieben 2014, copyright Julia Rehfeld

 

Ich beobachte die Szene der Rasse, die wir züchten und lieben sehr genau... und einige Entwicklungen beschäftigen mich. Wir haben uns mit Beginn unserer Zucht zur Einkreuzung bestimmter ursprünglicher Standardlinien / Arbeitslinien in unsere Minis entschlossen, weil wir eben eine Arbeitsrasse züchten, der diese wichtigen Instinkte demnach auch erhalten bleiben sollen, die allerdings auch vereinbar sein müssen mit einem Leben in unseren Breiten. Es kann aber niemals Sinn und Zweck sein, eine Arbeitsrasse "delight" zu züchten, damit der Hund massentauglich wird. Dennoch haben wir heute in den seltensten Fällen einen landwirtschaftlichen Großbetrieb inmitten von "NICHTS", wo wir Hunde brauchen, die unermüdlich den ganzen Tag arbeiten, sich gegen Bullen durchsetzen, den Hof bis aufs Blut verteidigen und den Rest des Tages - zum Schlafen - in einem Zwinger hausen... Nein (Mini) Aussies leben bei uns eng an die Familie angeschlossen und sollen uns begleiten im Alltag sowie Sport-, Shopping- und Couchpartner sein.

 

Ein Aussie gehört beschäftigt, ausgelastet und trainiert... Der Aussie ist auch ein Hund der Nähe braucht, aber ebenso zu Abstand und Ruhe erzogen werden sollte, zu einem Hund der sich zurücknimmt und relaxt auf seinem Platz liegt, während Besuchskinder hin und her toben oder man sich am Tisch zu einer Familienfeier versammelt hat oder ebenso ruhig am Rand des Agiparcours liegt oder sich WÄHREND eines Frisbee-Wurfs (während die Scheibe fliegt und er schon hinterher rennt) ins Platz rufen lässt. Für viele spielen Triebkontrollübungen gar keine Rolle, sie wollen nämlich eh höher schneller weiter - ich sehe immer wieder Hunde laufen, die sich an der Leine die Seele aus dem Leib ziehen und so permanent angeknipst sind und Leute am anderen Ende, die den Zusammenhang einfach nicht verstehen!

Bei kategorisch netten Hunden vielleicht kein Problem - beim Aussie teilweise gefährlich. Am Ende verbringen dann solche immer angeknipsten Hunde, die vielleicht noch ganz ausgezeichnete Sport- und Trialhunde sind, ihr Leben in einer Box oder einem Zwinger... - wie ein Fahrrad im Schuppen...

 

Nun frage ich mich ist das alles nur gemacht von den Haltern? Oder steckt auch ein Fünkchen Welpenstube und Gencocktail dahinter? Es gibt sehr viele Aussiezüchter in Deutschland und es verhält sich wie überall im Leben, die Guten (und/oder die mit der besten PR) haben lange Wartelisten sowie mehr Interessenten als Welpen und es gibt die anderen, die sehr lange auf ihren Puppies sitzen und ich rede nicht davon Welpen länger zu behalten, weil nicht der passende Mensch dabei gewesen ist. Es ist doch (nicht) ganz normal, 3 mal die gleiche Anpaarung zu machen, wo man immer noch versucht einen Welpen aus der 2. (gleichen) Anpaarung zu verkaufen?!... Ich rede vom Verkauf von Arbeitslinienwelpen "mit Biss", deren Ahnen nur zum Hüten/Arbeiten an Rindern aus dem Zwinger gelassen werden, die reserviert sind und eine hohe Portion Schutztrieb haben - für die Selbsthemmung und Frustrationstoleranz ein langer Prozess ist. Ich rede von Züchtern, die solche Hunde abgeben in ein zu Hause als Sesselpupser, wo ein Spaziergang im Monat alles ist, was dem Hund geboten wird, wo diese wunderbaren Hunde keinen Input bekommen und sich selbst Aufgaben suchen... Und wo diese Hunde dann auch noch Teil des eigenen Zuchtprogramms werden... wegen der schönen Farben (bi, selfmerle) mit dem Ziel den Geldbeutel zu befüllen - denn es ist ja jetzt offensichtlich in Mode Arbeitslinien mit Minis zu verpaaren um knackig kleine Rennräder oder Agimaschinchen zu verkaufen. Es ist zum Teil einfach nur gruselig, was die Züchter dabei glauben an Blutlinien mit einander kombinieren zu können... Da sieht man WTCH (Working Trial Champion(s)) im Pedigree und addiert einen Mini dazu und zieht die Gleichung zum Medium-Sporthund... 

Zum Teil war man noch nicht ein einziges Mal selbst mit seinem Hund am Vieh. Geschweige denn, dass dem Züchter diese angeborenen Hüte-Eigenschaften als solches wichtig sind und er zumindest einen Anlagentest seiner Zuchthunde macht oder seine Nachzucht sorgfältig dahingehend beäugt. Für ein kurzes Resümee - ja es gibt verschiedene Arbeitslinien mit verschiedenen Eigenschaften und -arten. Eine Welpenstube, die reizarm ist oder in der es alles im Überfluss gibt, wo wenig Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen besteht, die Züchter selbst schlecht oder nicht ausgebildete Hunde führen und dann eben auch -an jeden- die Welpen verkaufen, das ist alles Teil der Problematik, die wir jetzt schon haben, dass Hunde immer wieder vermittelt werden müssen ...

 

Welpenkäufer sind heute teilweise viel aufgeklärter, es gibt Möglichkeiten des Austauschs in Gruppen oder Foren. Segen und Fluch..., ich mache mir schon längst nicht mehr die Mühe, Halbwissen und -wahrheiten klar zu stellen und mich damit Gruppendynamiken zu unterwerfen. Über Blutlinien lernen sie allerdings in den seltensten Fällen etwas, weil es ja schon für den Züchter extrem viel Recherche und Austausch mit anderen Züchtern bedeutet. Ich liebe den Aussie als Arbeitshund - aber dass er ein guter Arbeiter ist, macht ihn nicht automatisch gesünder  oder "korrekter" - man muss sich schon genau mit den Risiken beschäftigen (DM, Knickruten, Allergien, Zahnfehler, HD, Krebs ...) Outcross schön und gut, aber auch nicht ungefährlich... vor allem für Folgegenerationen. Ich schreibe diesen Text, weil es mich einfach traurig macht, wie es nur noch um seltene Farbschläge geht und exklusive Pedigrees, dass Großzüchter kurzer Hand ihr Zuchtprogramm um- und aussortieren und wortwörtlich Hunde shoppen - d.h. innerhalb kurzer Zeit mehr als 2 Hunde aus Arbeitslinie übernehmen oder als Welpen einkaufen und prompt ankündigen, mit wem dieser Welpling eines Tages verpaart werden soll, am besten noch während man zu Hause noch 2,3 Würfe liegen hat... Der (Zucht-)Aussie bloß noch eine Ware?... 

 

Nicht nur traurig sondern wütend bin ich darüber... und nein, ich verkaufe keine Fahrräder oder zukünftige Zuchtmaschinen an die Meistbietenden!... und in meinen Augen sollte man bestimmte Linien ausnahmslos nur an Leute abgeben, die eben eigenes Vieh auf einem Hof in der Pampa haben und genau diese Eigenschaften brauchen oder man findet Leute, die damit umgehen können - und wenn man das nicht für jeden Welpling garantieren kann, dann sollte man es meiner Meinung nach die Finger davon lassen.

 

Wir verzichten sehr bewusst aus gesundheitlichen und charakterlichen Gründen auf bestimmte Linien oder Hunde in unseren Stammbäumen, weil wir informiert sind und ein WTCH-Titel alleine sagt eben noch lange nichts über Ausdauer, Leistungsfähigkeit, Trainierbarkeit und Alltagstauglichkeit aus... Es bleibt ein Titel, der einen mit Stolz erfüllt. Wie die Linien aber wirklich sind, kann man nur erfahren, indem man sich als Züchter bildet und als Welpenkäufer kritisch bleibt -> Was weiß mein Züchter wirklich über diese Linien. Warum züchtet er Hunde mit Arbeitshintergrund, wenn er selbst kein Vieh hat oder keiner anderen sinnvollen Beschäftigung mit den Hunden nachgeht. Wie sind die Elterntiere (beide!) im Umgang mit mir usw... 

 

So jetzt ist meine Seele wieder etwas leichter!

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